Von der IG Jazz Berlin zur Jazzstudie2016

2016-08-23

Die Ankündigung einer Veranstaltung und ein Interview mit dem Vorsitzenden der IG Jazz Berlin (Nikolaus Neuser) brachte mich zur Jazzstudie2016, die im Frühjahr veröffentlicht wurde. Ich habe das fünfundachtzigseitige PDF runtergeladen, aber keine Lust, es auszudrucken. Dabei ginge zuviel Farbe drauf. Auch zweispaltiger Text ist nicht mein Ding. Da ich keine smarte Online-Version fand, kopierte ich drei Kapitel für mein Smartphone, um auf der einstündigen Fahrt zum Veranstaltungsort die Studie anlesen zu können. Meine Anfrage bei Facebook wurde aber zu spät beantwortet. Ich weiß nun, dass ich auch als Nicht-Mitglied gern gesehen worden wäre. Die Einladung zum (noch) kostenlosen Beitritt zur IG Jazz nehme ich an und schicke das Anmelde-Formular noch heute.

Nun zur Studie. Sie bestätigt, was man vermuten kann. JazzmusikerInnen kommen aus gutem Hause. Mehr Jüngere als Ältere haben Jazz studiert. Ihren Lebensunterhalt verdienen die wenigsten allein durch Jazz-Konzerte. Bei typischen Gagen um die 50 Euro pro Auftritt kommen durchschnittlich 1000 Euro im Monat zusammen. Die durch die Künstlersozialversicherung (KSK) gesicherte Gesundheitsversorgung ist die einzige Unterstützung. Die Rente ist für die meisten weit weg. Das dicke Ende kommt also später.

Dass es in Köln und Berlin mehr JazzmusikerInnen gibt als in der Provinz, das weiß man. Dass deshalb die Gagen niedriger sind als anderswo, liegt auf der Hand. Die in der Studie vorgeschlagene Mindestgage von 250 Euro pro Auftritt kann man bei öffentlichen Veranstaltungen vielleicht erreichen, bei privaten aber nicht. Bei 30 bis 60 Zuhörern kommen 500 Euro zusammen. Der Club muss Miete, Leute, Gema, KSK und ggf. Steuern zahlen, bleiben also 300 Euro für die Musiker - gruselig, wenn es eine Bigband ist.

Also müssen mehr Zuhörer kommen. Dazu heißt es in der Studie am Ende der vorangestellten Zusammenfassung:
"Die langfristige Sicherung der Nachfrage im Sinne eines jazzinteressierten Publikums bedarf neben der Förderung der Auftrittsorte und der Sicherstellung des Angebots auch einer intensiven Vermittlung der eigenen Musik durch Künstler/-innen und Veranstalter/-innen, um weiterhin ein Publikum vorzufinden bzw. zu entwickeln, das sich am Jazz erfreut."

Es kommen ja schon mehr. Wenn es keinen Eintritt kostet. Bei der Session im Bflat findet man keinen Stehplatz mehr. Bei den Konzerten der Jazzwerkstatt69 in der Lohmühle muss man sich eine Sitzgelegenheit mitbringen. Die Konzerte im Aufsturz, ebenfalls von der Jazzwerkstatt69 organisiert, sind fast nie ausgebucht, obwohl der Eintritt wenig kostet. Dass die Musiker ein paar mehr Euros als anderswo bekommen, ist der Unterstützung durch den Bezirk zu verdanken ... und der ehrenamtlichen Tätigkeit der Vereinsmitglieder.

In der Studie wird festgehalten, dass Management im Studium kein Thema ist. Und so überrascht es nicht, dass die ohnehin als Idealisten antretenden JazzmusikerInnen mit Werbung nichts am Hut haben. Sie kommunizieren zwar bei Facebook und manchmal bei Youtube, aber sie bleiben unter sich. Betrachtet man die Liste der Eingeladenen bei Facebook, findet man fast nur MusikerInnen. Die Kollegen sieht man aber selten bei den Konzerten anderer. Und Eintritt zahlen Musiker auch nicht.

Als Zielgruppe bleiben Jazzfans und Touristen, die in den meistfrequentierten Clubs 60-70 Prozent ausmachen (meine Schätzung). Aber Werbung nehmen Touristen nur als Erinnerung mit, sie kommen frühestens in einem Jahr wieder. Und dann wissen sie noch nicht einmal, was sie erwartet.

In Gesprächen über meine nächtlichen Vergnügen - ich habe in zehn Jahren über 800 Konzerte besucht und fotografiert - stelle ich oft fest, dass die Spielorte in Berlin nicht bekannt sind, geschweige denn die MusikerInnen. Jazz hat man in seiner Jugend gehört. Das war dann Chris Barber oder - wenns etwas anspruchsvoller ist - Dave Brubeck.

Jazz spielt keine Rolle in den Medien. Der gute Geschmack wird durch Volksmusikparaden versaut, die übrigens um 20 Uhr, oder auf der Alm um 14 Uhr anfangen. Um 22 Uhr 30 gehen die meisten ins Bett, wenn sie nicht schon vor dem Fernseher eingeschlafen sind.

Der Erfolg von Konzerten unter freiem Himmel sollte zu denken geben. Im Englischen Garten ist es beim Jazz auch immer rappelvoll. Natürlich werden dabei die populären Varianten des Jazz besser angenommen.

Der Jazz als zeitgenössische Kunstveranstaltung wird es nur bei Festivals schaffen, ausreichend Publikum zu haben. Da kommen die Fans von weit her. Nur so ist der Erfolg zu erklären. Lokale Veranstaltungen mit Freier Improvisation bringen höchstens das Sowieso an den Rand des Wahnsinns.

Was soll ich empfehlen als Werbefachmann, der 40 Jahre sein Geld als Freiberufler (ohne staatliche Unterstützung) verdient hat?



So, nun kopiere ich weiter. Hab Dr. Renz, dem Verantwortlichen der Studie, Bescheid gesagt.